Blue-Tech 2011: Marktplatz der Energie

Kultur Publiziert am Sonntag, 18. September 2011 um 19:30 Uhr.

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An der vierten Ausgabe der Winterthurer Fachmesse wurde viel geredet. Politiker, Wissenschaftler, Manager und Konstrukteure referierten tagelang über das Potenzial von umweltfreundlichen Energiequellen. Nebst dem Kongress konnte man Workshops und Ausstellungen besuchen, die das Thema Cleantech repräsentierten. Greenbyte.ch hat unter anderem innovatives Solarspielzeug entdeckt und eine Fotovoltaik-App für das iPhone ausprobiert.

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Blue Tech 2011 Plan Blue Tech 2011: Marktplatz der Energie
Die Übersichtskarte von der Blue-Tech 2011 am Neumarkt. (pd)

Vom 15. bis 17. September gaben sich an der Blue-Tech 2011 im Herzen von Winterthur die -Apostel des 21. Jahrhunderts gegenseitig die Klinke in die Hand. Im Casinotheater behandelten mehr als ein Dutzend Rednerinnen und Redner die Schwerpunkte «Energieversorgung und Energieerzeugung», «Stadtentwicklung und Energiemanagement», «Zukunft Mobilität» sowie «Unternehmensdesign für eine nachhaltige Zukunft». Eröffnet wurde die Konferenz vom 64-jährigen Stadtpräsidenten Ernst Wohlwend, der mit seinem Vorwort gleich Nägel mit Köpfen machte: «Wir befinden uns an einem Wendepunkt in der Energiepolitik».

Ernst Wohlwend Blue Tech 2011: Marktplatz der Energie
Ernst Wohlwend ist Stadtpräsident von Winterthur. (pd)

Unter den Referenten waren bekannte Gesichter wie Autobauer Frank M. Rinderknecht (CEO Rinspeed AG) und der stellvertretende Direktor des Bundesamts für Energie, Pascal Previdoli. Die teils komplexen Themen wurden auf zwei Tage verteilt. Am Samstag erhielten Hauseigentümer die Chance, eine Reihe öffentliche Vorträge an der Technikumstrasse zu besuchen. Dort erklärte beispielsweise René Burkhard, Stiftung KEV (Kostendeckende Einspeisevergütung), die Perspektiven der staatlichen Förderung von Fotovoltaikanlagen.

Nachwuchs in der Öko-Werkstatt

Am Donnerstag und Freitag organisierte Greenpeace einen Solar-Workshop für lokale Schulklassen aus der Primar- und Oberstufe. Jede Lektion dauerte rund 90 Minuten, das Mitmachen war kostenlos. Jeweils morgens oder nachmittags lernten die Teilnehmer die Funktionsweise von Solarzellen genauer kennen. Mit dem Projekt «Jugendsolar» soll nicht nur die Bevölkerung auf erneuerbare Energiequellen sensibilisiert, sondern auch der Bau von Solaranlagen forciert werden. Laut Greenpeace beteiligten sich seit 1998 über 10‘000 Kinder aus der ganzen Schweiz an der ambitionierten Kampagne. In diesem Zeitraum installierten die Jugendlichen 178 Anlagen, welche mit Energie von der Sonne laufen.

Greenpeace Solar Workshop Blue Tech 2011: Marktplatz der Energie
Der Solar-Workshop von Greenpeace wurde 1998 ins Leben gerufen. (pd)

Ausstellung mit Spannung

Nebst dem umfangreichen Kongress und den Workshops bewarben 42 Firmen ihre Produkte auf dem dreigeteilten Messegelände mitten in der Altstadt von Winterthur. Greenbyte.ch hat einen ausführlichen Rundgang durch die beiden ersten Zelte der Blue-Tech 2011 gemacht, siehe HD-Videos am Schluss des Beitrags. Praktisch jeder Stand wurde von einem Team aus kompetenten Beratern geführt, welche bereitwillig über ihre Arbeit informierten. Wir haben uns einige interessante Aussteller herausgepickt.

Die LTi Drives GmbH konzentriert sich auf die Herstellung von Systemen für die Energieerzeugung im Bereich der industriellen Anwendung. Dazu gehören Wechselrichter für Fotovoltaikanlagen, Leistungselektronik für Windenergie oder elektrische Antriebe für Fahrzeuge. In einem Interview erzählte uns Geschäftsführer Martin Brawand, dass er auch kundenspezifische Lösungen umsetzt und beispielsweise massgeschneiderte Motoren für Hybridautos anfertigt. In eine andere Richtung gehen die Isolierkonzepte von Erwin Peter, der auf Altbau-Sanierungen spezialisiert ist und Häuser im wärmetechnischen Bereich erneuert. Spannend ist der Einsatz von ökologischen Produkten wie Holzfaserplatten, die im Sommer vor Wärme schützen und im Winter die Kälte abhalten – quasi eine natürliche Klimaanlage, die keinen Strom braucht.

Lichtspiele und Minergie-Gläser

Solartoys Butterfly Blue Tech 2011: Marktplatz der Energie
Schmetterling aus dem Hause Solartoys. (gha)

Einen spielerischen Umgang mit grüner Energie pflegt Peter Wüthrich, Inhaber der Solartoys GmbH. Er vertreibt Solarspielzeug, welches hauptsächlich aus eigener Entwicklung stammt. Das begehrte Zertifikat «Made in Switzerland» tragen unter anderem ein Zug, der einen Gummiball herumkutschiert oder glänzende Schmetterlinge, die sich selbstständig bewegen und ausschliesslich mit Licht funktionieren. Wüthrich hat uns verraten, dass im November 2011 ein neuer Shop für Tüftler online geht, der sich primär an Leute richtet, die individuelle Apparaturen kreieren möchten. Dort kann man unter anderem Mini-Motoren oder Solar-Panels in verschiedenen Grössen erwerben. Innovative Fenster aus Holz (Fichte, Tanne, Föhre, Lärche, Eiche) oder einem Metall-Mix für Gebäude aller Art zeigte uns Daniel Steinmann von der Steinmann AG. Seine Konstruktionen basieren auf dem Minergie-Standard, die Schale besteht aus Aluminium und ist wartungsfrei. Die aufwendigen Sirius-Gläser sind lichtoptimiert. Informativ gestaltete sich unser Besuch beim Osram-Stand. Während einer extra für Greenbyte.ch inszenierten Präsentation konnten wir uns selbst von der Qualität der aktuellsten, dimmbaren LED-Leuchten überzeugen. Laut offiziellen Aussagen sind Kunden aus der Schweiz und Frankreich fast die einzigen in Europa, welche Leuchtdioden einsetzen, deren Helligkeit regulierbar ist.

Solar-App und Umwelt-Studium

Solar App Blue Tech 2011: Marktplatz der Energie
Eine iPhone-App überwacht die Fotovoltaik-Anlage. (gha)

Ein pfiffiges Konzept für Besitzer einer Fotovoltaikanlage offeriert die Senero AG. Urs Hari demonstrierte uns eine exotische Applikation für das iPhone, die es erlaubt, den produzierten respektive verbrauchten Solarstrom mit einem Monitoring-System per Fernabfrage zu überwachen. Einen innovativen Studiengang für «Erneuerbare Energien und Umwelttechnik» bietet die HSR Hochschule für Technik aus Rapperswil an. Beim persönlichen Gespräch mit Peter Frei (Marketing) erfuhren wir, dass die HSR die erste Schule der Schweiz ist, welche ein dreijähriges Studium in diesem Bereich anbietet. Obwohl der Pilotversuch erst seit zwölf Monaten läuft, haben sich für das erste Semester über 100 Studenten angemeldet. Ein paar Schritte weiter begegneten wir Urs Jaeggi von der Soltop Schuppisser AG, die unter anderem thermische Kollektoren fabriziert, welche aus Sonnenstrahlen warmes Wasser für den Haushalt und die Heizung erzeugen. Ebenfalls zur Palette gehören Boiler- und Speichersysteme, die das erhitzte Wasser und den Öko-Strom einlagern. Jaeggi präsentierte uns Soltop-Geräte der neusten Generation mit komplexen Steuerungsschränken, die kompakt aufgebaut und praktisch schlüsselfertig lieferbar sind.

Grösste Fotovoltaik-Anlage Winterthurs und federleichte Karosserie

In eine andere Kerbe schlägt Andreas Dreisiebner, der mit seinem Verein Solarspar die nationale Verbreitung von Solaranlagen fördert. Knapp 26‘000 Mitglieder spenden das nötige Kapitel für kleinere und grössere Projekte. Der produzierte Strom wird günstig verkauft, der Gewinn in neue Anlagen investiert. Derzeit ist die Organisation an einer riesigen Fotovoltaikanlage in Winterthur beteiligt, welche das Dach der Eulachhalle 2 vollständig mit Solarzellen bedecken soll. Noch in diesem Jahr könnte der Baubeginn erfolgen – Kostenpunkt 750‘000 bis 800‘000 Franken. Auf die Frage, wie viele Häuser vom produzierten Strom versorgt werden, antwortete Dreisiebener: «Wir sind von 40 Haushalten ausgegangen. Wenn wir das Projekt maximal ausbauen, abhängig von den letzten Berechnungen, könnten wir das Ganze auf über 60 Haushalte ausweiten. Das wäre dann die mit Abstand grösste Solaranlage im Raum Winterthur».

Solar Carport Blue Tech 2011: Marktplatz der Energie
Der Solar-Carport «Design» bietet Platz für zwei Fahrzeuge. (pd)

Ausserhalb des ersten Zeltes trafen wir Marius Bachofen von der Firma ivolt. Er führte uns den Tazzaro Zero vor. Dabei handelt es sich um ein extrem leichtes Elektroauto mit einem Alu-Chassis und einer Haut aus Kunststoff, welches nur knapp 550 Kilogramm wiegt – inklusive Akkus. Die maximale Reichweite pro Ladung beträgt 140 Kilometer, die Höchstgeschwindigkeit 100 Kilometer pro Stunde. Das Fahrzeug kann sogar an einer normalen Steckdose über Nacht aufgeladen werden. Dank origineller Bauweise ist der Heckantrieb klein dimensioniert und elegant zwischen den Hinterrädern versteckt. Insgesamt sind zwei Modelle erhältlich.

Tazzaro Zero Blue Tech 2011: Marktplatz der Energie
Der Tazzaro Zero wiegt nur 550 Kilogramm. (gha)

Die normale Ausführung kostet 35‘000 Franken. Für die uns gezeigte Special Edition muss man 38‘000 Franken bezahlen, dafür gibt’s ein stärkeres Ladegerät (inklusive Schnelllade-Option), ein Glasdach, eine beheizte Heckscheibe, ein Silent-Getriebe sowie eine verbesserte Polsterung. Beim zweiten Produkt, das Bachofen vertreibt, handelt es sich um eine Fotovoltaik-Garage der Marke Owipex, die es dem Kunden ermöglicht, das Auto mit Naturstrom zu versorgen: Der so genannte Solar-Carport generiert pro Jahr zirka 3’000 Kilowattstunden.

Während unseres Rundgangs hörten wir auch kritische Stimmen. So erzählte man uns hinter vorgehaltener Hand, dass der Bund derzeit die Ausbreitung von alternativen Energien durch die KEV blockiert, obwohl es viele Leute hat, welche in die Branche investieren möchten. Wahrscheinlich würde die Wirtschaft nicht zusammenbrechen, wenn deshalb die Strompreise leicht ansteigen.

Stromvelo Blue Tech 2011: Marktplatz der Energie
Der Hometrainer von der Firma Designwerk erzeugt Elektrizität. (pd)

Muskeln produzieren Strom

Einen schweisstreibenden Auftritt an der Blue-Tech 2011 hatte das lokal ansässige Designwerk, welches am Eingang des zweiten Zelts zu finden war. Bekannt wurde das Unternehmen wegen des Zerotracer: Ein futuristisches Vehikel auf zwei Rädern, das einen Weltrekord als schnellstes E-Bike aufgestellt hat. Am Stand der vierköpfigen Firma konnte das Publikum mit einem präparierten Velo fahren und gleichzeitig Strom produzieren. Warum gibt es so etwas nicht im Fitness-Center? Eine Säule mit diversen Abbildungen, die unter anderem den Energieverbrauch eines Staubsaugers oder Handys symbolisieren, illustrierte die gefahrene Leistung. Der extravagante Hometrainer diente auch als Grundlage für den eSpinning-Contest, an dem die stärksten Teilnehmer mit Geschenken (Bücher, Taschen, DVD & Co.) belohnt wurden.

Kampf der Elektroboliden

Spektakulär ging es am letzten Tag der Messe weiter. Am 17. September machten die 20 Teams der WAVE (World Advanced Vehicle Expedition) vor dem Museum Oskar Reinhart einen Zwischenstopp. Das internationale Rennen startete am 11. September in Paris, erstreckt sich über eine Distanz von über 3‘000 Kilometern und endet nach 15 Tagen in Prag. Die Strecke führt durch acht Länder: Frankreich, Belgien, Holland, Deutschland, Schweiz, Liechtenstein, Österreich und Tschechien. Im Rahmen des Events besuchen die Piloten (darunter Teilnehmer aus Indien und den USA) 30 Städte und inszenieren ihre Fahrzeuge. Auch in Winterthur konnte man die elektrisch betriebenen Boliden im Massstab 1:1 bestaunen und mit den Fahrern sprechen.

(Guido Haus)

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