Rechenzentrum im Bunker des Generals

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Die Schweizer Firma Deltalis steigt in den Markt für Rechenzentren ein. 8’000 Quadratmeter stehen im Kanton Uri bereit. Es ist eines der effizientesten und sichersten Rechenzentren Europas. Greenbyte.ch besuchte den jahrzehntelang streng geheimen Kommandoposten der Schweizer Armee.

Durch das Eingangstor fahren Lastwagen direkt in den Bunker hinein. (pd)

Der Atomkrieg, für den dieser Bunker gebaut wurde, fand nur virtuell statt. Nach dem zweiten Weltkrieg platzierte die Schweizer Militärführung in dieser Region einen streng geheimen Kommandoposten: den Bunker K7 in Attinghausen. 1948 war Baubeginn für einen der grössten Militärbunker der Schweiz – atomwaffensicher und gut versteckt, 270 Meter in den Berg gebaut. Der Bau kostete 11,5 Millionen Franken.

Von 1956 bis 1976 wäre im Ernstfall der Generalstab der Schweizer Armee in den Bunker eingezogen. Noch länger war die exakte unterirdische Kopie der Flugleitzentrale in Dübendorf eingerichtet. Das Luftraumüberwachungs- und Führungssystem Florida war ab 1970 eines der ersten Computerverbundsysteme der Schweiz und zugleich das fortschrittlichste Luftverteidigungssystem Europas. «Die Daten von drei Radarstationen wurden in Nutzinformation über die Luftlage umgewandelt und danach in zwei Einsatzzentralen zu einer Gesamtluftlage verarbeitet», beschreibt der ehemalige Kommandant der Flieger- und Fliegerabwehrtruppen Walter Dürig auf «wrd.ch».

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Eingang zum Rechenzentrum in Attinghausen. (Deltalis)

Nachdem im Mai 2005 der Bunker K7 aus dem Anlageverzeichnis gestrichen wurde, kauften ihn 2007 die Gründer von Deltalis. Der Verkaufspreis betrug mehr als eine Million Franken. Hinter der Firma stehen unter anderem David Allen, Mitbegründer der Transportfirma DHL, und Patrick de Balthasar, ehemaliges Geschäftsleitungsmitglied von Pricewaterhouse Coopers Schweiz. Präsident ist der Franzose Stéphan Grouitch, CEO des Schweizer IT-Beratungsunternehmens Itecor.

Deltalis hat die Anlage schon fast komplett modernisiert. Nur die alten Kommandoräume des Generalstabs und der Flugüberwachung sind noch im Zustand, wie ihn das Schweizer Militär verlassen hat.

Der Korridor ist modernisiert. (Deltalis)

Fokus auf höchste Sicherheit und Ökologie

Deltalis vermietet grosse Flächen an Unternehmen mit eigenen Rechenzentren und Servern, vorwiegend an Banken. Die Qualitätsstandards gehen bis zum höchsten Level für Ausfallsicherheit: Tier 4. Das Rechenzentrum sei zudem CO2-neutral. Die Firma strebt mehrere Zertifizierungen an, Tier 4 für das Design des Uptime Instituts sei eine der wichtigsten. Zudem liessen sie die Nachhaltigkeit regelmässig prüfen und fokussieren auf höchste Sicherheit und Umweltfreundlichkeit, wie ein ehemaliger Vizepräsident von Deltalis gegenüber Greenbyte.ch sagte.

Das Angebot umfasst Server Housing, respektive Colocation sowie per Zaun abgetrennte Racks und getrennte Räume. In den drei über hundert Meter langen Kavernen hat es getrennte, ehemalige Büroräume des Armee-Kaders. Es ist sogar ein Rechenzentrum für Grosskunden mit 600 Quadratmetern möglich; zuvor war da ein Gerätelager. Der Sicherheitsdienst des Schweizer Industriekonzerns Ruag überwacht die komplette Anlage rund um die Uhr. Ein Teil der Anlage ist wahlweise durch den Lieferanteneingang erreichbar.

Die ersten Kunden-Server laufen bereits in Doppelkammer-Systemen. Die Computer-Räume sind alle wassergekühlt. (Deltalis)

Zwei Deltalis-Mitarbeiter betreuen und warten den Bunker. Derzeit sind erst auf einigen hundert Quadratmetern Computer in Betrieb. «Hier lebten noch bis in die 1990er Jahre bis zu 900 Dienstleistende gemeinsam – über mehrere Wochen», sagte Fort-Manager Corsin Bass gegenüber Greenbyte.ch. Bass arbeitet seit bald 30 Jahren im Bunker K7. Das Personal werde bald erhöht. Bei vollem Ausbau sollen 15 bis 20 Mitarbeitende anwesend sein.

Die hohen Berge und tiefen Täler des Kantons Uri bieten seit Jahrhunderten Schutz und Lebensraum. Ein Hort im Zentrum Westeuropas. Die Alpenroute über das Gotthardmassiv ist seit den Römern ein Wirtschaftsfaktor: Damals mit Wegezöllen, heute mit Verkehr. Unter dem Boden ist die Internet-Hauptleitung (Backbone) der Schweiz. Dies ermöglicht die Wahl zwischen mehreren Carriern.

Die beiden ehemaligen Trinkwasser-Reservoirs kühlen die Server. (Deltalis)

Der Berg dient heute als ein natürlicher Kühlkörper. «Die Temperaturen des angrenzenden Gesteins bleiben konstant zwischen 16 bis 18 Grad», sagt Bass. Der Bunker hat direkten Anschluss zum Grundwasser. In zwei, insgesamt 380 Kubikmetern grossen Wasserbecken wird das Kühlwasser aus den Serverräumen gesammelt. Diese natürliche Kühlung wird noch verstärkt, wenn das Grundwasser in den Kühlprozess einbezogen wird. Das Grundwasser werde mit dem heutigen Ausbaustand von 600 Quadratmetern Rechnerfläche nicht gebraucht, erst im Megawattbereich. Unklar bleibt jedoch, wie sich das Warmwasser auf die dort lebenden Mikro-Organismen und das Ökosystem auswirkt. Eine Kläranlage ist Teil des Bunkers, sie ist aber derzeit still gelegt.

Deltalis nutzt ausschliesslich Strom aus Wasserkraft

Die elektrische Schaltzentrale versorgt die Computer jederzeit mit Strom – auch mit eigenen Steckplätzen (links) für zusätzliche Generatoren. (Deltalis)

Deltalis kauft nur Strom aus Wasserkraft. Das reduziert die CO2-Bilanz markant, wobei ein Pumpspeicherkraftwerk auch Strom aus dem Netz zieht, der von irgendwoher kommen könnte. Das geschlossene Wasser-Kühlsystem des Bunkers ist auch in punkto Wasserverbrauch nachhaltig. Die Krönung der Effizienz folgt: Die abgeführte Wärme aus den Server-Räumen will man weiternutzen, beispielsweise zum Entfeuchten der Aussenluft und für die Heizung der Aufenthaltsräume. «Ein effizientes Luftentfeuchtungssystem sei bereits aus Militärzeiten im Bunker integriert», so Bass. Das Lüftungssystem entzieht der Luft auf dem Weg in die Räume die unnötige Feuchtigkeit, um die Systeme zu betreiben.

Die Kühlung ist redundant mit Kaltwasserversorgung eingerichtet, zudem sind Luftkühler auf dem Vorplatz des Bunkers im Einsatz. Die Stromversorgung (USV) ist in separaten Brandabschnitten verlegt, Dieselgeneratoren sowie Batterien und Stromverteilung stehen in getrennten Räumen.

Den Strom des Kantons Uri produzieren Kraftwerke an Stauseen und Flüssen. (Deltalis)

Die Strom-Kapazität beträgt 40 Megawatt. Sollte der Strom einmal ausfallen, übernimmt die USV-Anlage. Dazu stehen Batterien und Dieselgeneratoren bereit. Die Bunker-Tanks aus Militärzeiten fassen über 18’000 Liter Diesel-Brennstoff. Sie versorgen die Anlage über 72 Stunden mit Strom bei voller Last. Sollte dies je aufgebraucht werden, würde im 24-Stunden-Betrieb aus dem nahen Tanklager in Altdorf nachgefüllt.

Es hat sich viel verändert im K7-Bunker. Der Atomkrieg fand zwar nur virtuell statt, der Krieg im Internet ist real.

(Marco Rohner)

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