Google tauscht mehr Zeit für noch mehr Daten

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Die erste Keynote der Google I/O Entwicklerkonferenz hat überraschend mit einem Auftritt von CEO Larry Page geendet. Google verknüpft die Daten der Nutzer enger in einzelnen Anwendungen wie der Suchgeschichte, der aktuellen Sucheingabe, dem Ort und den lokalen Angeboten mit dem Freundesnetzwerk und den eigenen, geheimen Algorithmen. 

Google IO Larry Page 2013

Google-CEO und Mitgründer Larry Page hat zwar seine Stimmbänder krankhaft geschwächt, aber sein Enthusiasmus für Technologie ist ungebrochen. (pd)

Google-CEO Larry Page hat an der hauseigenen Entwicklerkonferenz I/O einen Überraschungsauftritt hingelegt. Nach den zweieinhalbstündigen Produktpräsentationen zur Keynote des ersten Tages brachte Page wieder die strategische Ordnung in die beinah überwältigende Fülle von neuen Möglichkeiten, die der Internet-Gigant zusätzlich bereitsstellt. Seine Stimmbänder sind gelähmt wegen einer seltene Krankheit, die vor 14 Jahren bei einer Erkältung erstmals auftrat. Dies hielt ihn aber nicht davon ab, sich nach seiner Rede auch den Fragen des Publikums zu stellen. 

Der Fachkräftemangel zeigt sich auch weltweit an der Anzahl Frauen in technischen Berufen wie des Informatikers und bei Google. «Computer-Wissenschaften haben ein Marketing-Problem», antwortete Google-CEO Larry Page auf die Frage eines Musikers, wie man mehr Frauen an die Entwicklerkonferenz bringe. Page hatte ihn und weitere Teilnehmer persönlich anlässlich seines Besuchs des Burning-Man-Festivals eingeladen.

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Page referierte bereits zuvor über die wichtige Ausbildung des Menschen für Computer, nicht nur die Wissenschaften. Google arbeitet beispielsweise mit rund 10’000 Schulen von Malaysia zusammen, die für alle Schüler des Landes 4G-Mobilfunk und Chromebooks installieren. Page erklärte, dass wir Menschen  zuvor Jäger und Sammler gewesen seien, ständig bemüht, an genug Essen zu kommen. Die Technologie erlaube uns nun, mit anderen Aufgaben zu beschäftigen; trotzdem immer noch sehr viele Menschen nicht genug zu essen haben. Page sprach damit die fast nicht mehr endenden Produktpräsentationen an, die zuvor die Zuschauer einprasselten wie Hagelschauer.

Mehr Linked Data und Sprach-Suche

Im Grunde will Google mit der Produktentwicklung den Menschen Aufgaben abnehmen und ihnen dafür mehr Zeit zurückgeben – eine Art Daten-für-Zeit-Tauschhändler sein. Die Suche wird noch vernetzter mit mehr angeblich relevanten Informationen und Daten, die Google für wichtig erachtet. Immer mehr Daten werden automatisch verlinkt. Die eigenen Daten seien dafür stärker aussschlaggebend. Bei einer Google-Suche zum Bruttosozialprodukt (BIP) von Indien auch gleich noch dergleiche von China und den USA sowie dem Heimatland des Nutzers eingeblendet und in einer Grafik vervollständigt. Die Sprachsuche, die Android ab Version 4 unterstützt, erleichtert neu auch die Suche mit dem Desktop-Browser. Zudem spricht der Cloud-Computer nun per Sprachausgabe mit dem Nutzer.

Google verknüpft mehr Daten

Google Suche, Google Now und Google Maps wachsen viel enger zusammen. Die Suche im Browser in Kombination mit Google Now auf dem Handy merkt sich persönliche Daten im Kalender und ältere Abfragen, um automatisch den Weg anzuzeigen, Restaurants zu reservieren und Termine zu koordinieren. Ist der Flug verspätet, können wir einen Gutschein für den Kaffee in der Nähe auswählen oder ist die Autobahn gesperrt, leitet uns Google um in den Zug, bevor wir das Haus verlassen.

Produktpräsentationen ohne Brille und Auto

Google IO Laender mit niedriger Android Verbreitung

In China, Indien, Brasilien und Russland hat Android noch weniger als 10 Prozent Marktanteil am Handy-Markt. (pd)

Google präsentierte an diesem Morgen des ersten Tages im Moscone Center in San Franscico viele kleine Neuerungen und keine grossartig neuen Produkte wie die Datenbrille «Google Glass» (lesen sie mehr dazu in unserem Bericht: [p2p type=“slug“ value=“google-liefert-glass-datenbrillen“][/p2p]) oder das selbstfahrende Auto. Doch in der Gesamtheit verändern sie unseren Umgang mit den Computern und schlussendlich unseren Daten wesentlich.

Dem Publikum aus Entwicklern, die aus der ganzen Welt anreisten, zeigte der Internet-Gigant neue Soft- und Hardware wie Pixel-Chromebook und dem Galaxy S4 als Nexus-Version, neue Funktionen und Schnittstellen. Alles, was Google zeigt und ermöglicht wird immer aus seiner Wolke aus weltumspannenden Rechenzentren unterstützt. Diese Cloud-Infrastruktur als Basis verantwortet der Schweizer Urs Hölzle, Senior Vice President for Technical Infrastructure. Der Google Fellow hat die komplette Technik von Google von Beginn an aufgebaut.

Mit Software-Entwicklung und Datenformaten wie den erneut vorgestellten WebP für Bilder und VP9 für Videos soll das Internet schneller werden. Das Bildformat WebP verkleinert Bilder um bis zu 30 Prozent gebenüber JPEG, bei gleicher Qualität. Das Video-Dateiformat VP9 spart sogar rund 50 Prozent Datenverbrauch – Youtube wird darauf ab nächsten Monat umgestellt. 

Die Cloud-Computing-Pioniere in den Startups, KMU und Grosskonzernen bekamen in zweieinhalb Stunden als Highlight die komplett überarbeitete Version von Google Maps präsentiert. Der Schweizer Daniel Graf, Director von Google Maps for Mobile, zeigte eine völlig neu in WebGL programmierte Anwendung und überarbeitete Nutzer-Oberfläche. Die neue Maps-Software steht als Preview bald bereit, auf einer Preview-Seite kann man sich dafür anmelden. Neu wird die Karte zur Nutzeroberfläche – sie passt sich je nach ausgewähltem Objekt automatisch an. Wählt man ein Museum an, erscheinen die Namen der Zufahrtstrassen und Haltestellen. Street View und Google Earth sind integriert.

Transformation des Internets zum persönlichen Begleiter

Google IO Besucher Glass

Informatik hat ein Marketing-Problem, nicht aber für diese Besucherin mit Google Glass. (pd)

«Wir bewegen uns langsam im Vergleich zu den Möglichkeiten, die wir haben», sagte Page. Die Transformation des Internets für Cloud Computing wird wesentlich von Google angeführt. So jedenfalls entspricht es dem Selbstverständnis, dass die Präsentatoren dem Publikum zu verstehen gaben. Dies geschieht mit einigem Erfolg: im April waren 900 Millionen Android-Geräte aktiviert. Bisher wurden 48 Milliarden App-Downloads aufgezeichnet. 

Mit der schnell wachsenden Verfügbarkeit von Smartphones und Tablets will Google mit Hilfe von Chrome und Chrome Mobile das Nutzererlebnis eines Desktop-Rechners auch weiter auf die mobilen Geräte näher bringen. Damit wächst die Abhängigkeit vom Internet, damit sinkt auch die Hürde, auf ein Chromebook mit Chrome OS umzusteigen. Um dies noch ein wenig zu erleichtern, hat Google mit dem «Pixel» nun auch ein hochqualitatives Notebook mit Chrome OS im Hardware-Angebot, das über Retina-Display und gleichzeitig Touchscreen im Aluminium Gehäuse verfügt.

Vor einem Jahr waren 3D-Anwendungen im Browser noch rar. Seit zwei Jahren unterstützen die meisten Browser WebGL und haben somit die hardwarebeschleunigte 3D-Grafik bereits eingebaut. Die ermöglicht die rechenintesivsten Programme wie Games auf allen Geräten, kompett Plattformübergreifend per HTML-5-Standards, Javascript und sonstigen modernen Tricks. Dies alles führt Google zusammen, um ein einziges Erlebnis zu ermöglichen: Daten-Abgleich, ohne das Mensch es merkt. Wir werden zu den Puppen, die ein einziger Konzern steuert. Suchmaschinenoptimierung ist tot, Meister Google ist allwissend, wer was wo und wie treibt und gibt Empfehlungen ab. Die Begrüssung „Okay, Google!“ öffnet das Ohr des dunklen Molochs, das aus jedem Wort die Daten absaugt und in möglichst Hilfreiche Informationen verarbeitet, für den Nutzer wie für sich selbst, um dem Nutzer das nächstemal noch besser helfen zu können. Der ganze Prozess ist schon sehr hilfreich, aber die Transparenz, was genau passiert mit den Daten, muss ebenso hilfreich werden.

(Marco Rohner)

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Marco Rohner
Journalistischer Unternehmer der neu erfindet, wie Geschichten in einer allzeit verbundenen Welt erzählt werden. Er ist Herausgeber von Greenbyte.ch, dem weltweit exklusiven Online-Magazin über den nachhaltigen Nutzen von Informationstechnologie, gegründet im Jahr 2011 und 500'000 Leser in den ersten drei Jahren erreicht.