Lenovo kauft sich mit Motorola auf Rang 3

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Lenovo übernimmt das Motorola-Handy-Geschäft. Der weltgrösste Computer-Hersteller bezahlt 2,91 Milliarden Dollar an Eigentümer Google. Der Suchmaschinen und Software-Gigant behält die Forschung und meisten Patente des ehemaligen Mobilfunk-Marktführers. «Lenovorola» kann den Kampf um Marktanteile mit Apple und Samsung aufnehmen – mit Intel als Partner.

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Google-CEO Larry Page (links) und Lenovo-CEO Yang Yuanqin teilen die Reste von Motorola Mobility unter sich auf. (pd)

Das chinesische Unternehmen Lenovo hat mit der Übernahme von Motorola Mobility einen weiteren historischen, offensiven Schritt zur Geschäftsentwicklung ausgeführt. Vielleicht hat diese Übernahme sogar für den ganzen Mobilfunkmarkt grössere Auswirkungen als heute absehbar ist, weil Intel als starker Lenovo-Partner mit im Boot sitzt. Nach der Übernahme der IBM-PC-Bereichs im Jahr 2005 für 1,4 Milliarden Dollar, mit Forschungsabteilungen in USA und Japan, weltweiten Verkaufskanälen und den meisten Kunden, hat sich Lenovo mit weiteren Grossinvestitionen in PC und Notebooks zum Marktführer entwickelt und HP als Nummer 1 abgelöst. Die grösste Konkurrenz des gesamten PC-Geschäfts wuchs in den letzten Jahren jedoch von Apple und in Form des Tablet- und Smartphone-Booms, der sowohl Pionier Apple stärkte und neue Hardware-Anbieter in den Markt schwemmte. Mit Apples Betriebssystem-Konkurrent Google hat Lenovo bereits beste Geschäftskontakte, seit einem Jahr läuft auf den Lenovo-Smartphones exklusiv Android.

Google hatte der Tochtergesellschaft ein Sparprogramm der radikalen Art aufgedrückt. Im dritten Quartal 2013 waren noch 4250 Mitarbeitende bei Motorola. 

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Mehrheitlich werden die Lenovo-Smartphones erst in China und Südostasien vermarktet. Genau wie beim IBM-Deal vor genau 9 Jahren (angekündigt im Dezember 2004), kauft Lenovo sich mit einem Schlag in ein solides Distributions- und Verkaufsnetzwerk und Know-How eines ehemaligen Marktführers, diesmal im Mobilfunk. Lenovo und Motorola Mobility sind perfekt ergänzende Partner und Google scheint froh, endlich den investitionsintensiven Hardware-Teil in den Geschäftsbüchern wieder loszuwerden. Das klingt in den Worten von Mitgründer und CEO Larry Page gemäss Pressemitteilung so: «Motorola ist im scharfen Wettbewerb der Mobil-Branche bei einem reinen Gerätehersteller wie Lenovo besser aufgehoben.» Google könne sich nun ganz auf Innovationen bei Android konzentrieren.

Motorola-Rest hat Google 7.6 Millionen Dolar gekostet

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Google hat 48 Tage vor dem Verkauf von Motorola Mobility an Lenovo noch ein neues Logo installiert, nahe dem Google-Campus in Mountain View. (Justin Ormont Eva Lee)

Lenovo bezahlt die 2,91 Milliarden Dollar zum Teil in Aktien. Google hatte für Motorola Mobility 12,5 Milliarden Dollar bezahlt. Der finanzielle Verlust von Google ist unmessbar; abzüglich des bereits verkauften Motorola-Teils für 2,3 Milliarden Dollar (Kabelmodem und Set-Top-Boxen an Arris Group) bleiben noch 7,6 Milliarden Dollar, wobei Patente und ein Teil der Forschung bei Google bleiben. Als Beispiel für den Restwert: Nortel’s Patente gingen für 4.5 Milliarden an ein Patent-Konsortium aus Sony, Apple und Microsoft sowie EMC und Ericsson – Google verlor 2011 den viertägigen Bieterkampf. 

Aus dem PC- und Server-Markt besteht eine enge Beziehung zu Intel.

Im dritten Quartal 2013 verkündete Google einen Verlust von 248 Millionen Dollar für den Motorola-Teil, der Umsatz sank um 36 Prozent auf 1,1 Milliarden Dollar. Die neuen Smartphones wie das Topmodell «Moto X» und das «Moto G» verkauften sich schlechter als erwartet. Google hatte der Tochtergesellschaft ein Sparprogramm der radikalen Art aufgedrückt und ist innerhalb eines Jahres über 12’000 Mitarbeitende losgeworden. Im dritten Quartal 2013 waren noch 4250 Mitarbeitende bei Motorola. 

Die Forschungsgruppe «Advanced Research» um die Ex-Darpa-Chefin Regina Dugan bleibt bei Google. Dies hatte Lenovo-CEO Yang Yuanqin an der Pressekonferenz gegenüber «Re/code» bestätigt. Dugan sprach an der Konferenz «D: All Things Digital» des letzten Jahres über Pillen und elektronische Tattoos als zukünftige Authentifizierungvarianten. Dugan’s Forschergruppe wurde aber von Google zu Motorola verschoben.

Lenovo ist drittgrösster Smartphone-Hersteller

Gemeinsam mit Motorola ist der chinesische Hardware-Riese nun gemäss Strategy Analytics der drittgrösste Smartphone-Hersteller der Welt mit 6 Prozent Marktanteil hinter Apple (15 Prozent) und Samsung (32 Prozent). Lenovo strebte bereits 2007 ins Smartphone-Geschäft mit der Telefonsparte. Es war nach dem iPhone-Start ein erster Versuch, vom Boom zu profitieren. Das damals einzige Smartphone und weitere Handys waren für den chinesischen Markt bestimmt. Nach einem knappen Jahr während er Finanzkrise von 2008 verkaufte Lenovo die Telefon-Sparte und kaufte sie 2009 für 200 Millionen zurück. In den Jahren danach baute Lenovo für 800 Millionen Dollar eine Fabrik in China, die 30 bis 40 Millionen Geräte pro Jahr produzieren kann. Das Ziel war schon da klar formuliert: Samsung zumindest im Heimmarkt China vom Smartphone-Thron zu stürzen. Die Strategie ist auf Android-Modelle fokussiert, gerüchteweise war Windows Phone intern ein Thema. Seit Januar 2013 läuft auf allen Lenovo-Smartphones exklusiv Android. 

Motorola hat 2012 in Texas (USA), zusammen mit Produktionspartner Flextronics, eine neue Fabrik für Smartphones ausgebaut. Das Gebäude war zuvor eine Nokia-Fabrik. «The Verge» hatte die Fabrik in einem Bericht vorgestellt. Motorola ist der einzige Smartphone-Hersteller, der in den USA produziert und erlaubt dem Unternehmen, den Kunden aus einer grossen Auswahl an verschiedenen Gehäusen anzubieten. 

Hardware-Strategie bietet Exotik

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Das Lenovo Ideaphone trägt das Thinkpad-Design in die Mobil-Ära. (pd)

Lenovo baut und differenziert die aktuellen Smartphone-Modelle mit den Prozessoren dreier Chip-Lieferanten: Intel, Mediatek und Qualcomm. Aus dem PC- und Server-Markt besteht eine enge Beziehung zu Intel. Lenovo liefert seit 2012 auch die ersten Modelle mit Intels Smartphone-Chip aus. Das K800 von 2012 nutzt Intels Chip Atom Z2460; das K900 enthält den Intel Atom Z2580, mit zwei Prozessor-Kernen. Die Mediatek-Chips ermöglichen preisgünstige Modelle, während Qualcomm als Lenovos sicherer Hafen die meisten ARM-Chips für Smartphones beliefert, auch Motorola.

Motorola-Patente bleiben weiterhin bei Google

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Motorolas aktuelles Topmodell Moto X wird in den USA auf Bestellung hergestellt mit einer grossen Auswahl an Farben und Materialien, wie auch Holz. (pd)

Google hatte 2011 den Kauf begründet mit dem Patent-Schatz des Mobilfunk-Pioniers und ehemaligen Mobilfunk-Marktführers. Um die goldenen 2000er-Jahre kaufte Motorola auch noch selbst Unternehmen auf. Jetzt behält der Internet-Konzern einen Grossteil, nur 2000 Patente gehen an Lenovo. «Google wird damit weiterhin das gesamte Android-Ökosystem verteidigen», sagte Konzernchef Larry Page. Die Klagen von Apple, Oracle (Java) und Microsoft sind weiterhin eine dunkle Wolke am Firmament der Zukunftsaussichten von Android, des weltweit meistverbreiteten Mobil-Betriebssystems. Einen grossen Schritt weg von dieses Gefahr und ein Beispiel für Googles Strategie ist bereits in Vollendung: die Dalvik Virtual Machine (VM), die auf Java baut und als virtuelle Laufzeitumgebung für Apps dient, kann jeder Nutzer bereits mit dem aktuellsten Version, Android 4.4 Kitkat, versuchweise durch die Googles-VM namens ART auswechseln und eine massive Leistungssteigerung von Apps geniessen bis 100% gegenüber Dalvik. Die internen Tests von Greenbyte.ch deuten bereits auf eine reife Integration hin. Mit ART als Beispiel beweist Google, dass ihnen die laufenden und zukünftigen Patentklagen egal sind: sie entwickeln weiter an einem besseren Betriebsystem, um so unabhängig wie möglich zu werden.

(Marco Rohner)

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Marco Rohner
Journalistischer Unternehmer der neu erfindet, wie Geschichten in einer allzeit verbundenen Welt erzählt werden. Er ist Herausgeber von Greenbyte.ch, dem weltweit exklusiven Online-Magazin über den nachhaltigen Nutzen von Informationstechnologie, gegründet im Jahr 2011 und 500'000 Leser in den ersten drei Jahren erreicht.