Apple-CEO schüttelt Zulieferer aus dem Ärmel

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Apple hat mit dem neuen Verantwortlichkeitssbericht der Zulieferkette auch erstmals die Zuliefer-Unternehmen bekannt gegeben. Insgesamt 156 Firmen entsprechen 97 Prozent – der Rest ist geheim. Die meisten stammen aus Asien, doch mit ST-Microelectronics auch aus der Schweiz.

Im Quanta-Werk in Shanghai setzen Arbeiter Bildschirme für Mac-Books zusammen. (pd)

Die Transparenz ist ein unterscheidendes Merkmal des heutigen Apple-CEO Tim Cook zu seinem verstorbenen Vorgänger und Mitgründer Steve Jobs. «Mit jedem Jahr erweitern wir unser Programm, schauen uns unsere Zuliefererkette genauer an und machen es schwerer, die Auflagen zu erfüllen», sagte Apple-Chef Tim Cook der Nachrichtenagentur Reuters. All das bedeute, dass die Belegschaften «mit jedem Jahr besser und besser behandelt» würden. Allerdings müsse noch viel getan werden, gab Cook zu. Erst 97 Prozent der Unternehmen sind publik, mit denen einer der grössten ICT-Hersteller zusammenarbeitet. Unter den restlichen drei Prozent verbergen sich entweder Geschäftsgeheimnisse für die nächten iPhones, iPads und Mac-Computer oder Unternehmen, die ihre Vorgaben nicht erfüllen. Apple will mit der Veröffentlichung der Kritik an Missständen und schlechten Arbeitsbedingungen bei Zulieferern entgegentreten.

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Die Liste birgt neben den bekannten Foxconn unter anderem auch der grösste Computerhersteller Quanta, die LG-Gruppe und Samsung. Veröffentlichter Apple-Zulieferer aus der Schweiz ist Chiphersteller ST-Microelectronics sowie aus den deutschsprechenden Nachbarländern Leiterplattenproduzent AT&S, die Chiphersteller Infineon und Austria Microelectronics.

Vergiftete Mitarbeiter müssen Arzt selbst bezahlen

Lieferant ist auch Touchscreen-Hersteller Wintek. Im taiwanischen Unternehmen mit 1,55 Milliarden Euro Jahresumsatz 2010 wurden im selben Jahr 137 Arbeiterinnen und Arbeiter der Fabrik Suzhou vergiftet. Die Chemikalie N-Hexan wurde zur Reinigung der Displays verwendet, um den Produktionsprozess zu beschleunigen.

Die Angestellten mussten im Krankenhaus behandelt werden. Einige Opfer mussten bis zu sechs Monate im Krankenhaus bleiben. Um nicht deren Behandlungskosten tragen zu müssen, zahlte Wintek Entschädigungssummen für Opfer, die kündigten. Die Opfer hatten ihrerseits berichtet, dass sie für eine Kündigung unter Druck gesetzt wurden. Ausserdem seien die Entschädigungssummen viel zu niedrig gewesen. Die Zeitung „«China Daily» schrieb, dass Wintek zwischen 12’000 und 21’000 Dollar gezahlt habe. Hundert der 137 Erkrankten hätten die Firma verlassen. Denjenigen, die zu einem regulären Lohn von rund 500 Dollar im Monat weiterarbeiteten, habe Wintek keine Behandlung bezahlt.

Zuletzt hatte vor allem Apple-Lieferant Foxconn immer wieder für Schlagzeilen gesorgt. Dort kam es im vergangenen Jahr zu einer Reihe an Selbstmorden. Zudem gab es Nachrichten von unmenschlichen Arbeitsbedingungen. Im Dezember 2011 haben 300 Arbeiter mit Massenselbstmord gedroht. 

Selbstjustiz des Auftraggebers

Apple überprüft seit 2007 regelmässig die selbst geschaffenen Vorgaben. Bei Vergehen droht Apple, den Liefervertrag einzustellen. Dies passierte 2012 in einem halben dutzend Fällen. Im aktuellen Zustandsbericht 2012 fand der Konzern bei seinen Zulieferern 6 Fälle von Kinderarbeit sowie 13 Fälle, in denen zuvor Minderjährige als Arbeitskräfte eingestellt worden waren. Erstmals wurden in diesem Jahr die Sicherheit von Arbeitsprozessen und spezielle Umweltauflagen geprüft. Gemäss Apple seien Umweltstandards aber seit Beginn der Audits inspiziert  worden.

Kommentar

Das wertvollste Unternehmen der Welt stellt die eigenen Produkten vermehrt in Bezug zu gesellschaftlichen Werten. Apple hat mit der Veröffentlichung von 97 Prozent der Zulieferkette ein erstes Zeichen für mehr Transparenz und gesellschaftliche Verantwortung gesetzt. 3 Prozent fehlen noch. Der grösste Hardware-Hersteller der Welt nimmt seine Verantwortung für die Zulieferkette aber zumindest teilweise wahr. Wie die Beispiele von Wintek und Foxconn zeigen, geht ohne den Druck von Herstellern in dieser Grösse wenig.

Die Grösse birgt Interessenskonflikte: Apple ist wegen der hohen Stückzahlen, die für eine Produktveröffentlichung gebraucht werden, auf die Zulieferer genau so angewiesen wie die Zulieferer auf Apple. Es ist gemessen an diesen Zuständen dringend nötig, dass andere grosse Hersteller ebenso gesellschaftliche Werte überwachen und die Resultate veröffentlichen. Doch dies ist erst dann nachhaltig, wenn die Überwacher transparent und vertrauenswürdig sind. Zu Apples Audit-Team zählt mindestens ein Apple-Mitarbeiter. Das reicht nicht. Es müssen unabhängige Organisationen dabei sein. Nur so lassen sich Zweifel der Kunden ausräumen und das Vertrauen herstellen. 

(Marco Rohner)

 

 

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Marco Rohner
Journalistischer Unternehmer der neu erfindet, wie Geschichten in einer allzeit verbundenen Welt erzählt werden. Er ist Herausgeber von Greenbyte.ch, dem weltweit exklusiven Online-Magazin über den nachhaltigen Nutzen von Informationstechnologie, gegründet im Jahr 2011 und 500'000 Leser in den ersten drei Jahren erreicht.