«Wir haben die Komplexität unterschätzt»

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Das wachsende Angebot und die veränderten Lizenzgebühren haben die Kunden des marktführenden Cloud-Software-Herstellers VMware verunsichert. Im Interview mit Greenbyte.ch nimmt Schweiz-Chef Othmar Bienz Stellung zur die Rückkehr zum alten Lizenzmodell. Er erklärt auch, wie Cloud-Computing das Rechenzentrum voll automatisieren kann und wieso die weltweiten Trends der Informationstechnologie in der Schweiz die Rahmenbedingungen von Cloud-Anbietern und die Wettbewerbsfähigkeit von Unternehmen auf die Probe stellen.

Zu den Neuheiten der diesjährigen VMworld Europe in Barcelona hat Greenbyte.ch den VMware Director Alps Region Othmar Bienz vorab zum Interview getroffen. Bienz trägt mit seinen 25 Jahren Berufserfahrung in der Software Industrie bei VMware die Verantwortung für die Märkte in der Schweiz und Österreich. Er ist seit 2004 bei VMware: bis 2006 als Account Manager, dann bis 2009 als Sales Manager Schweiz. Bienz arbeitete 10 Jahre für IBM Schweiz, zunächst als Systems Engineer und anschliessend als Business Representative. Danach war er Mitglied der Geschäftsleitung sowie des Verwaltungsrates von Opus Solution, wo er unter anderem auch für den Verkauf und die Einführung von Projekten basierend auf Navison Axapta (heute Microsoft Dynamics) verantwortlich war. 

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Der Markt von Cloud Computing und das Angebot von VMware ist stetig gestiegen und wächst weiter. Wie erklären sie jemandem, der ihre Firma nicht kennt, was sie tun?

VMware ist mit dem eigenen Angebot an Software unterdessen so breit aufgestellt, dass man detailliert die drei Bereiche Infrastruktur, Applikationen und auf Anwenderseite betrachten muss, um zu sehen, um was es eigentlich geht. Im spezifischen Bereich der Infrastruktur gehen weitere Schritte im Rechenzentrum von der Virtualisierung zur Automation.

Weltweit sind 60 Prozent der Server virtualisiert, davon VMware besitzt laut Gartner 80 Prozent Marktanteil. Viele geschäftskritische Applikationen sind meist noch gar nicht virtualisiert. Wie wollen sie da noch weiter kommen und oben drauf mehr Automation anstreben?

Spezifisch im Bereich Infrastruktur und Rechenzentrum haben unsere Schweizer Enterprise-Kunden bereits 50 bis 80 Prozent der Server virtualisiert. Enterprises sind angepasst auf unsere Verhältnisse Unternehmen mit 200 Server und mehr. Dort sind die Herausforderungen die Microsoft Sharepoint- und Exchange-Server, SAP-ERP und Oracle-Datenbanken. Mit diesen geschäftskritischen Applikationen war man bis jetzt mit Virtualisierung noch etwas zurückhaltend. Diese Kunden können mit der vCloud Suite und dem in Barcelona angekündigten Automation Center einen weiteren Schritt zur Automatisierung des Rechenzentrums gehen.

«Es gibt etliche Kunden in der Schweiz, die absolut nicht der Meinung sind, dass sie in den nächsten Jahren in eine öffentliche Cloud gehen werden.»

Es geht in Richtung virtueller Speicher, virtuelles Netzwerk. alles Hardware-unabhängig und in Software verwaltet. Provisionierung ist vordefiniert. Wird nicht alles nur noch komplizierter und komplexer?

Wenn man reale Server als Hard- und Software bestellt, dauert das ein paar Wochen bis sie zu Betrieb bereit stehen. Das hat mit Server-Virtualisierung drastisch abgenommen: In 2 Minuten läuft eine Maschine. Doch es braucht immer noch rund 5 Tage bis alles konfiguriert ist: Konfigurieren der Firewall, Antivirus-Maschine einrichten, Netzwerk anpassen. Diese Komponenten kommen nun in Software hinzu. Damit dauert der komplette Prozess nur noch wenige Minuten.

Gibt es von Kunden denn überhaupt ein Bedürfnis dafür?

Es gibt bestimmt ein Bedürfnis, doch wo ist die kritischen Grösse – das ich frage mich natürlich! Es gibt etliche Kunden in der Schweiz, die absolut nicht der Meinung sind, dass sie in den nächsten Jahren in eine öffentliche Cloud gehen werden. Das sind Sicherheits-Überlegungen, gesetzliche Bestimmungen und Compliance-Gründe. Im Schweizer Enterprise-Markt ist noch keine massive Verschiebung erkennbar. Es gibt aber global gesehen schon viele Unternehmen, die massiv wachsen mit diesen Services.

Also gibt es in der Schweiz kein Bedürfnis?

Man muss die Entwickung im Gesamtkontext sehen. Wir beobachten diese Tendenzen zu Technologien, die erst bei ganz wenigen Firmen im Einsatz sind und bei denen wir denken, dass sie die nächsten 10 Jahre wichtige Trends sein werden. Unter dem Schirmbegriff Cloud Computing wird einer dieser Trends sein, dass man Infrastruktur aus der Cloud vermehrt von grossen Anbietern wie Rackspace oder Amazon beziehen wird, die grosse Rechenzentren betreiben. Wir sehen bereits heute Grossunternehmen, die sich von der internen IT abwenden und von diesen Anbietern Services aus der Cloud beziehen.

Firmen wie Swisscom und Cloudsigma bieten solche öffentlichen Clouds ja bereits in der Schweiz an. Cloudsigma macht als Startup vieles selbst zu Marktpreisen, wogegen Swisscoms Angebot basierend auf VMware relativ teuer ist.

Wir erweitern unsere Software, um automatisierte Rechenzentren zu betreiben und so günstig wie möglich zu machen, für diejenigen, die diese Services anbieten wollen.

Als Nachteil der Virtualisierung steigt die Komplexität für Betrieb und Datenschutz, wie gehen sie dies an?

Die Wiederanlaufsverfahren sind viel kleiner als bei nicht-virtualisierten Systemen, weil alles hochredundant und abgesichert ist. Auch haben wir kein Dom-0-Modell; also keine virtuelle Maschine, die alle andern konfiguriert. Bei unserer Software kommunizieren alle virtuelle Maschinen direkt mit dem Hypervisor – der Zwischenschicht zwischen Hardware und Betriebssystem, die eine Virtualisierung ermöglicht. Der Marktanteil beweist, dass unsere Software sicher ist. Zudem ist die Angreifbarkeit reduziert: unser Hypervisor misst nur 150 Megabyte, im Gegensatz zu Mitbewerbern mit bis zu 5 Gigabyte.

Allein die Grösse des Codes garantiert aber noch keine Sicherheit.

Menschen machen Fehler. Aber die Angreifbarkeit reduziert sich, wenn man von 5 Gigabyte auf 150 Megabyte geht. Das Potential der Anzahl Löchern ist bei diesem Grössenunterschied massiv höher.

Sie haben ja jetzt auch ein Webportal, damit Unternehmen die eigene VMware-Cloud verwalten und managen können, inklusive allen Funktionen wie Netzwerk und Sicherheit. Was können wir in diese Richtung in Zukunft neues erwarten?

Wir öffnen das Management und Provisionieren nun auch für alle anderen Anbieter. Ob Private- oder Public-Cloud-Anbieter. Sie können nun ihre Microsoft Azure oder Amazon Web Services vom selben übersichtlichen Management-System aus steuern. Ebenfalls voll unterstützt werden die Hypervisors von Mitbewerbern wie KVM, Citrix Xen und Microsoft Hyper-V. Das vereinfacht die Verwaltung und erhöht die Agilität des Unternehmens, um schnell und einfach zusätzliche Ressourcen abzurufen –  natürlich mit Einschränkungen bei der Sicherheit.

«Wir öffnen das Management und Provisionieren nun auch für alle anderen Anbieter. Ob Private- oder Public-Cloud-Anbieter.»

Viele Startups bauen auf diesen öffentlichen Angeboten, den Public-Clouds, ihre Dienste auf – etablierte Unternehmen nutzen dies vermehrt. Ihr umfassendes Angebot wird aber sicher nicht ganz billig sein. Wo sehen die die passende Grösse eines Unternehmens für diese virtuellen Rechenzentren?

Für kleine Unternehmen lohnt es sich eher, Public-Cloud-Anbieter wie Amazon über das Web zu nutzen. Ein solches System zu implementieren, ist nicht in einer Woche möglich. Für ein Unternehmen mit 200 Servern, das jede Woche oder jeden Monat 5 Server provisioniert, steht dieser Aufwand nicht im Verhältnis. Bei 20 Servern sieht das dann schon anders aus, hier stehen die IT Abteilungen in Konkurrenz zu Public-Cloud-Anbietern. Die Grenzen zum Betrieb eigener Hardware verschieben sich immer weiter nach oben.

Wie lange kann sich ein durchschnittliches Schweizer Unternehmen noch leisten, eigene Server-Hardware zu betreiben?

Das hängt extrem von der Wertschöpfung des Unternehmens ab. Was kostet die eigene IT und im Verhältnis zum externen Betrieb? Es gibt derzeit konkrete Beispiele von Kantonen, die über den extremen Kostendruck auch die eigene IT hinterfragen und sich nach alternativen Möglichkeiten umschauen. Es gibt aber auch andere Unternehmen, deren Kostensituation nicht so dominant ist, dass man versucht den Virtualisierungsgrad möglichst schnell auf 90 Prozent zu bringen. Nach wie vor sehen wir Schweizer Betriebe mit 20 bis 30 Prozent Virtualisierungsgrad.

Sehen sie noch Betriebe, die Virtualisierung komplett ablehnen?

Nein, dafür sehen ich keine Gründe. Heute gibt die Hardware so viel Leistung ab, dass sie jegliches System virtualisieren können.

Vergessen sie mit diesen Highend-Lösungen nicht die kleinen und mittelgrossen Unternehmen?

Mit der neuen Preisstruktur von vSphere 5.1 haben wir Funktionen in das Basisprodukt eingebaut, für deren Technologie sie im letzten Jahr noch dreimal mehr bezahlten.

Mit der Einführung von vRAM-Lizenzen in vSphere 5 im letzten Jahr wurde die Preisstruktur ja verändert und nun wieder rückgängig gemacht. Wie sehr macht dies für Schweizer Kunden einen Unterschied?

Die Kunden hatten seit der Einführung von vRAM eher zurückhalten reagiert, weil die Lizenz-Administration eine zusätzliche Komplexität einbrachte. In der heutigen Zeit sind Unternehmen auf einfache Lösungen für Lizenzierung angewiesen. Eine einzelne Person nur für Lizenz-Administration ist nicht mehr tragbar. Deshalb haben viele unsere Rückkehr zur einfachen Lizenz pro Prozessor begrüsst.

«In der heutigen Zeit sind Unternehmen auf einfache Lösungen für Lizenzierung angewiesen.»

Also hatten sie in den letzten 12 Monaten, entgegen dem Trend der zunehmenden Automatisierung der IT, endlich mal Stellen geschaffen

Wir haben wohl eher Stellen zusätzlich belastet, weil Unsicherheit bei den Kunden entstand. Jetzt ist aber wieder klar, dass ein Server mit zwei Prozessoren zwei Lizenzen erfordert und die Sache ist erledigt. So kann die Anzahl Lizenzen mit der Anzahl Hardware einfach abgeglichen werden. Zuvor kamen alle Lizenzen in einen Pool für eine zu bestimmende Anzahl virtueller Maschinen – das war schlicht nicht zu bewältigen.

Die zusätzliche Flexibilität des alten vRAM-Lizenzmodells ermöglichte ja, dass viele mehrere kleine Prozessoren die Arbeit weniger grossen mit gleichbleibenden Lizenzkosten übernehmen und deshalb noch mehr Effizienzgewinn speziell für Webserver gelang. Beispielsweise HP unternimmt mit Projekt Moonshot auch schon konkrete Schritte dahin. Besteht noch gar kein Bedarf nach solchen Systemen oder wollen sie dies verhindern, weil da auch VMware-inkompatible Prozessoren von ARM zum Einsatz kommen

Wir schauen sehr genau, was da passiert. Wir lassen uns diese Option offen, um zukünftig unsere Lizenzierung dem Markt anzupassen. Wir wollen keine Nachteile für neue Technologien. Wir sind offen und passen uns den Trends der Industrie an, beispielsweise unterstützen wie ja auch aktiv Open-Source-Projekte wie Openstack.

«Es besteht ein grosser Bedarf, die Effizienz im Rechenzentrum zu steigern.»

Hat sich VMware denn mit diesem Lizenzmodell zu fest in die Zukunft gewagt oder von den Kunden zu viel Flexibilität erwartet?

Ich denke, wir haben die Komplexität für die Verwaltung unterschätzt. Das Modell wäre schon ausgewogen und fair. Aber es bietet einen ungewünschten Aufwand. Es besteht dagegen ein grosser Bedarf, die Effizienz im Rechenzentrum zu steigern. Zum Beispiel, dass man mit der gleichen Anzahl Mitarbeiter mehr Appplikationen in einer kürzeren Zeit verwaltet, dadurch mehr Flexibilität erreicht sowie die Kosten im Griff behält. Virtualisierung im Netzwerk ist noch sehr minim – da ist ein riesiges Potenzial, aber auch in der Automatisierung der Prozesse, die im Rechenzentrum ablaufen.

Können sie dazu ein Beispiel nennen?

Heute sind Server-Systeme architektonisch sehr traditionell aufgebaut in vertikalen Silos. Das ganze muss geändert werden zu einem Pool von Ressourcen, darauf lässt sich das virtuelle Rechenzentrum realisieren, so dass die Applikationen beweglicher werden. Sie können Applikationen ohne Benutzereingriff über Cluster und Rechenzentren hinweg mit automatischer Netzwerk-Konfiguration verschieben. Da ist das grosse Potential für mehr Effizienz im Rechenzentrum vorhanden!

«Heute sind Server-Systeme architektonisch sehr traditionell aufgebaut in vertikalen Silos. Das ganze muss geändert werden zu einem Pool von Ressourcen.»

Dass Ressourcen mit Cloud-Management-Software flexibel sind und sich dem Geschäftsverlauf anpassen, klingt alles sehr gut. Doch sind im Endeffekt die Kunden von grossen, weit verbreiteten Applikationen wie SAP nicht gefangen in starren Lizenzmodellen, die eben diese Flexibilität nicht haben? Beispielsweise die DSAG kritisiert das. Wie gehen sie auf diese Herausforderungen ein?

Das sind wie zwei Ebenen: die eine Ebene sind die Lizenzmodelle des Anbieters wie SAP, die historisch so wuchsen. Es gibt meiner Meinung nach heute schon Möglichkeiten, wie zum Beispiel eine flexible Abrechnung über Software-as-a-Service. Wir haben ja schon Service-Provider-Lizenz-Modelle, die 100 Prozent verbrauchsorientiert sind – nicht nach Prozessor.

Also gibt es diese Möglichkeiten heute schon als Outsourcing?

Wenn Applikationsanbieter wie SAP noch stärken nach Verbrauch abrechnen, haben Service-Provider volle verbrauchsorientierte Angebote. In diese Richtung wird sich das Geschäft entwickeln. Davon bin ich überzeugt!

Das würde heissen, dass es sich immer weniger lohnt, eigene Server zu kaufen und selbst zu verwalten; dass also nur noch ganz grosse Unternehmen dies nutzen, die es auch wirklich brauchen.

Das kann sein. Die Frage ist, wie kompetitiv der Markt wird. Ich vergleiche das mit der Mobiltelefonie, die weltweit auch ein sehr umkämpfter Markt ist. Wir sind in der Schweiz immer noch in einer Art geschütztem Markt. Das Thema Service-Provider, Infrastructure as a Service (IAAS) oder Software as a Service (SAAS) wird vielleicht kompetitiver, vielleicht aber auch nicht. Das hängt von den Angeboten ab. Für uns ist wichtig, dass wir immer beide Möglichkeiten anbieten. Der Private-Cloud-Anwender lizensiert das Angebot nach Prozessor und der Service-Provider nach Verbrauch. Rein von der Technologie her ist auch ein Verschieben der Server vom eigenen Rechenzentrum zum Service-Provider möglich. Wir bieten neu für Grossunternehmen die Möglichkeit für detaillierte finanzielle Benchmarks, um genau die Angebote aus der Public Cloud wie Amazon oder Ressourcen von Service-Providern nach eigenen Bedürfnissen in Franken oder Dollars zu evaluieren. Beispielsweise lassen sich die Kosten für ein E-Mail-Sendeauftrag auf dem Exchange-Server im Vergleich zu Google Mail anzeigen. Man wird immer mehr abwägen können und den Wettbewerb beobachten. Heute schon nutzen überdurchschnittlich viele KMU diese Cloud-Angebote. Kleine und mittelgrosse Unternehmen werden sich in den nächsten Jahren vermehrt den Service-Providern zuwenden, weil diese viel effizienter Arbeiten. 

(Interview: Marco Rohner)

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